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Singspiel Il Ritorno di Enrico - Eine Straße mit Büchern
Illustration Willgard Krause auf Pixabay

Il Ritorno di Enrico oder Die Rückkehr des Heinrich Faust

Singspiel-Collage nach J.W. von Goethe
Textbearbeitung & Musik von Georg Gottschamel

Libretto-Il-Ritorno-19-09-2022

Das Libretto steht jetzt als Entwurf zum Lesen bereit


weiter unten findet man einige Erklärungen zum Stück.

Hintergrundinformationen zum Projekt:

Die Geschichte von Sophie und Alcest, die uns Goethe in mehreren Fassungen der Komödie „Die Mitschuldigen“ erzählen will, sah ich schon beim ersten Lesen (2004) als Singspiel in Venedig lebendig werden. Die Möglichkeit, diese Geschichte als Umkehr-Stück zum „Faust“, ebenfalls von Goethe, zu verwenden, führte mich zu diesem Projekt.

Zuerst will ich erklären, was ich mit dem Wort Umkehrstück bezeichnen möchte:

Umkehr als Veränderung der Richtung des Geschehens, des Inhalts der Erzählung, des Lebens oder der Einstellung zu den Dingen ermöglicht es, eine scheinbar festgefahrene alte Geschichte in ihrer Konsequenz umzukehren.

Einige Beispiele aus der Literatur:

Das Drama in seinem Stück „Stella“ wurde von Goethe selbst in eine Tragödie umgewandelt durch Veränderung nur der letzten Szene mit dem Freitod von Stella und Fernando.

Die Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles zu verändern, könnte geschehen, wenn Ödipus, nachdem er erkannt hat, unwissentlich mit seiner leiblichen Mutter verheiratet zu sein, sagt: „Ich lasse mich eben scheiden!“. Diese Veränderung eines Mythos wurde von Aldous Huxley in seinem Roman „Island“ nur kurz beschrieben. Die gesellschaftliche Akzeptanz einer solchen Umkehr ist natürlich sehr ungewiss.

In dem Märchen „The Last of the Dragons“ von Edith Nesbit gelingt es der Prinzessin, die althergebrachte Ermordung des Drachens durch den Prinzen – das könnte auch Georg sein – zu vermeiden und beide als Freunde zu gewinnen.

Für „Faust“ könnte eine Veränderung darin bestehen, dass Gretchen es wagt, das Kind nicht zu töten und sie Hilfe von ihrem Vater erhält, das Kind aufzuziehen. Die Teufelsmagie in Fausts Innern wird dadurch gebrochen und er erhält die Möglichkeit der Versöhnung. Er trifft Margarete als erwachsene Frau wieder. Eine Liebesbeziehung ist wegen der aufrechten Ehe ausgeschlossen.

Faust 1

Heinrich Faust schwängert Gretchen und tötet ihren Bruder im Zweikampf, Mutter stirbt am Schlaftrunk

Faust flieht

Gretchen tötet ihr neugeborenes Kind

Faust kehrt vergebens zurück in Gretchens Kerker

Gretchen wird hingerichtet

Die Mitschuldigen

Alcest liebt Sophie
Sophie liebt Alcest

Er verlässt sie ohne weiter ersichtlichen Grund, sie lebt weiter bei ihrem Vater

Sie heiratet Herrn Söller, den Taugenichts

Alcest besucht Sophie bei ihrem Vater

Und so weiter

Umkehrstück

Heinrich Faust schwängert Gretchen und tötet ihren Bruder im Duell

Faust flieht und will reich werden

Mutter stirbt, Gretchen zieht mit der neugeborenen Tochter zu ihrem getrennt lebenden Vater in seine Osteria

Sie nennt sich dort Sophia

Sie heiratet einen gewissen Signor Rossi

Enrico, der reich gewordene Heinrich Faust sucht sie und mietet sich im Gasthof des Vaters ein

Und so weiter

Das weitere Geschehen folgt weitgehend dem Inhalt von „Die Mitschuldigen“ und führt alle Beteiligten außer dem Kind in eine jeweils verschiedene Art von schuldhaftem Verhalten. Der Opa/Oste hat Frau und Kind verlassen, verletzt den Datenschutz (Briefgeheimnis), dringt ohne Notwendigkeit in das Gastzimmer ein. Sophia hat ein uneheliches Kind und ein „Date“ mit ihrem Jugendfreund in der Mitte der Nacht; heute klingt das harmlos, aber das kann auch schwerwiegender gesehen werden. Enrico hat eine Altlast, die sehr schwer wiegt, Duell mit Todesfolge. Der Ehemann Rossi stiehlt dem Gast der Osteria eine Menge Geld, zugegeben in einer Notlage, aber für die ist er selbst verantwortlich. Er arbeitet nicht und gibt sich seiner Spiel- und Vergnügungssucht hin.

Wie gehen die Beteiligten mit all diesen Fehlern um? Das ist individuell sehr verschieden. Es kommt zu der Frage nach Vergebung. Schön wäre es ja.

„Vergebung ist immer möglich“
 Das ist kein Zitat, sondern meine spontane Antwort auf die Frage, was ich mit dem Stück denn überhaupt sagen will.

Glaubt man den Medien, dann wollen die Menschen heute ihre Köpfe mit Gewalt, Verbrechen und dem Geschäft mit Sex anfüllen. Und da komme ich, und rede von Vergebung und Frieden. Inmitten der allgegenwärtigen Gewalt der Bilder und dröhnenden Rhythmen kommen mir Zweifel, ob das angebracht ist, was ich hier tue. Vor mehr als hundert Jahren schrieb Frau Suttner gegen den Krieg. Aber er kam trotzdem, und das zweimal und noch öfter. Auch der vielverachtete Karl May erhob seine Stimme im Kürschnerband „China“, ebenso vergeblich.

In dem Dokumentarfilm „Unverzeihlich-Schuld und Sühne“ über/mit einem „Kriegsverbrecher“ im Bosnien-Bürgerkrieg Serben gegen Kroaten/Muslime (ORF-DVThek Weltjournal plus) zeigt sich die Unfähigkeit zu vergeben.
Sare *) (18) „wütet“ in einem Lager mit serbischen, meist zivilen Gefangenen. Beim Prozess kommt ihm das eigene Verhalten zu Bewusstsein durch die Aussagen der Überlebenden. Sein Vater: die Serben haben sowas auch gemacht. Der Vater hatte früher aus Geldmangel den Wunsch von Sare, Kunst zu studieren, nicht erfüllt.
Sare versuchte nach verbüßter Haftstrafe vergeblich eine Versöhnung mit Opfern durch Bitte um Vergebung und Schuldbekenntnis vor Ort in Bosnien.
Bei allem guten Willen bleiben aber unangenehme Fragen: Wie kannst du wissen, ob er das Leidtun ehrlich und ernst meint? Warum trauen sich die 2 Neffen des Bauunternehmers nicht zurück nach Bosnien, um das Grab zu besuchen? Was könnte die Opfer bewegen, zu verzeihen?
*) Name geändert

Ist es also Unsinn zu behaupten, dass Vergebung möglich ist?

Die Menschheit wird nicht dran vorbeikommen, wenn es auch bequemer wäre für die Starken, ohne Vergebung an vorab gefassten Konzepten über Menschen und ihre Vergangenheit festzuhalten. Diese bestimmen dann unser Verhalten bei Begegnungen mit anderen Menschen oder Gruppen. Indem wir die Menschen mit ihrer Vergangenheit identifizieren, versperren wir den Weg in die Zukunft. Solch ein System von Einstellungen und Vorgangsweisen wird sicherlich längere Zeit für die Reichen/Starken Bequemlichkeit und Überlebens- sowie Fortpflanzungschancen erzeugen können, aber es wird dann irgendwann zusammenbrechen. Jedes absolut an speziellen eigenen Ideen hängende System ist noch zusammengebrochen. Das wäre eine lange Liste, Babylon, Alexander, Rom, Karl dG, Napoleon, Kirchenstaat, Nikolaus, Habsburger, NSDAP, Sowjetunion ….ohne Gewähr der Vollständigkeit. Was ist das nächste? Die Möglichkeit besteht eben, dass dabei die Grenzen der Überlebensfähigkeit überschritten werden, durch Missbrauch von Waffen, durch offenen Krieg oder eine Revolution der Menschenmassen, und dass es dann keine Menschen mehr gibt.

Notiz zu Berta von Suttner

Sie hat vieles initiiert und erreicht, zumindest im europäischen Umfeld auf den langen Umwegen zweier Weltkriege. Global gesehen ist jedoch noch ein weiter Weg zu gehen für die Menschheit. Außerhalb unseres engen Westeuropa gibt es immer noch „Kriege“ in verschiedenen Formen. Deswegen wird auch bei uns das langfristige Überleben der Menschheit von vielen Menschen in Zweifel gezogen. Die rasante Entwicklung der Unverhältnismäßigkeit der Verteilung des Ressourcen-Verbrauchs im Rahmen der Wachstumsideologie macht auch mir Sorgen. Meine Gespräche über den Bürgerkrieg in Syrien mit einem Flüchtling und die politische Entwicklung in Europa zeigen eine Polarisierung auf, die Angst macht.
Klar ist mir nur, dass die Funktion von Krieg (Kampf innerhalb einer Spezies) als Vater aller Dinge sehr gefährlich ist. Dieser Kampf innerhalb einer Spezies gehört außer kleineren, der Fortpflanzung dienenden Kämpfen bei Tieren, wohl zur Entwicklungsgeschichte der Menschen speziell. Eine Änderung durch Bewusstseinsveränderung Richtung eines kooperativen Lebens ist nötig, aber wohl langwierig. Die dazu auch nötige Vergebungsarbeit wollte ich thematisieren.

Notiz zu „Iphigenie en Tauride“ (Ch.W.Gluck)

Kommentar in der Österreichischen Musikzeitschrift 5/2010, Seite 56 (Walter Dobner):
Die Originalfassung des Librettos (N.F.Guillard) mit der Ermordung von Thoas durch Pylades wurde vom Regisseur Torsten Fischer geändert, im Sinne des Dramas von Goethe. Die Botschaft wäre dann: Humanität ist immer möglich.

Notiz zu sprachlichen Stilwechseln – lang- und kurzwellig

Die Epochenfrage ist von Anfang an eines der zentralen Punkte beim Planen gewesen. Innerhalb der formalen Zeitspanne von (klassischen) 24 Stunden war mein Ziel der Zeitunabhängigkeit schwierig. Es war mir schon zu Beginn klar, dass der Zeitbezug aufgebrochen werden muss. Der Versuch, das durch die Umkehr der Geschichte eben doch lebende Kind in der Sprache Goethes sprechen zu lassen – selbst wenn mir das gelungen wäre, – hätte nur unfreiwillig komische Ergebnisse bewirkt. So habe ich aus der Not eine Tugend gemacht: sprachliche Stilwechsel relativieren die Zeit. Diese finden an den Stellen statt, wo es um die Tochter und die Umstände ihrer Entstehung geht, abgesehen von den vorausgehenden und nachfolgenden Kommentaren, die vom Großvater gesprochen werden. Letztere könnte auch ein ganz anderer Schauspieler sprechen. Das finde ich aber nicht so spannend und theatralisch. Der Rest ist Goethe-Text mit den mir aus meinem musikalischen Gefühl nötigen Änderungen. Die sprachlichen Schwankungen spiegeln also die Unsicherheit des Zeitbezugs und sind in diesem Sinn nötig, um die „Unzeitgemäßheit“ der Vergebung zu betonen. Die am Ende stattfindende Vergebungsrunde ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Wie es sich auswirkt, soll der Zuschauer sich dann selbst ausmalen. Die sicher mangelhafte Reue von Enrico/Alcest, die im Original mangels schwerer Schuld verständlich wirkt, ließ ich gerne so stehen, weil es einen guten Ansatz bietet, die Bedingungen für Vergebung zu hinterfragen. Ist Reue als Eingeständnis, dass etwas Böses geschehen ist, nötig für Vergebung? Wer möchte kann dazu bei Colin Tipping nachlesen. Ich hab das dem Mädchen in den Mund gelegt, also in den Brief geschrieben.
Nach Hinweisen von Leserinnen habe ich die Collage-Idee durch Einfügung von Originalsequenzen aus Faust verstärkt, auch zur Verbesserung der Verständlichkeit der Handlung. Letzteres war vielleicht unsinnig, aber die letzte Fassung ist für mich ein Optimum innerhalb meiner Möglichkeiten.

Notiz zu der Übersetzung des Worts „Logos“ bei Goethe und die Dichotomie „Wort-Bild“ bei Schönberg

Die Zweideutigkeit jeder Naturwissenschaft zeigt sich schon in der Begriffsbildung der Elektrodynamik und Quantenmechanik: Licht als Beispiel für unser Unwissen, was es ist, Welle oder Teilchen. Das sind Worte=Begriffe, die durch mathematische Zusammenhänge „erklärt“ werden. Für beide gibt es aber auch die anschaulichen vorstellbaren „Dinge“ aus der Erfahrung – Wasserwellen und Gegenstände, die uns ein Bild geben. Goethe im Faust 1 lässt Faust das Wort/Logos so übersetzen: Im Anfang war die Tat (Vers1237).

Handlung/Technik — Tat — Bild — Logos — Wort — Theorie — Mathematik

In der Oper „Moses und Aron“ thematisiert Arnold Schönberg das Verhältnis zwischen dem Gedanken eines einzigen Gottes und seiner Ausformung im äußeren Leben der Menschen. Zwei Gegenüberstellungen sind mir dazu eingefallen. Wie Michael Gielen in einem Interview mit Jonathan Ellis sagte: „Der Gegensatz zwischen Moses und Aron ist fingiert. Sie sind zwei Seiten einer Münze. Was taugt der Gedanke, wenn er nicht verwirklicht wird.“ (zitiert nach dem Beiheft zur Langspielplatte „Moses und Aron“ von Philips 6700 084)
Im Text des dritten Akts schreibt Schönberg dann:
Zitat:
Aron: ….. wo das Wort und das Bild des Mundes versagen ….!
Moses: … da genügte dir nur mehr die Tat, die Handlung?
….. So gewannst du das Volk nicht für den Ewigen, sondern für dich …
Aron: Für seine Freiheit, dass es ein Volk werde!“

Tat — Bild — unaussprechlicher Gott — Gedanke  — Wort — Politik
Die seltsame Übereinstimmung mit Goethe bei „Tat“ ist kein Zufall, auch wenn Schönberg den Faust von Goethe nicht kannte.

Goldenes Kalb — namenloser Geist — Kriegsgott Jahwe

Zwei Seiten der Medaille

Glück als Mitte zwischen Trauer und Frohsinn, ohne Klammern und Festhalten

traurig sein — Glück — fröhlich sein