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Singspiel Il Ritorno di Enrico - Eine Straße mit Büchern
Illustration Willgard Krause auf Pixabay

Il Ritorno di Enrico oder Die Rückkehr des Heinrich Faust

Singspiel nach J.W. von Goethe, Textbearbeitung und Musik von Georg Gottschamel

Hintergrundinformationen zum Projekt:

2004: Die Geschichte von Sophie und Alcest, die uns Goethe in mehreren Fassungen der Komödie „Die Mitschuldigen“ erzählen will, sah ich schon beim ersten Lesen als Singspiel in Venedig lebendig werden. Die Möglichkeit, diese Geschichte als Umkehr-Stück zum „Faust“, ebenfalls von Goethe, zu verwenden, führte zu diesem Projekt.

Zuerst will ich erklären, was ich mit dem Wort Umkehrstück bezeichnen möchte:

Umkehr als Veränderung der Richtung des Geschehens, des Inhalts der Erzählung, des Lebens oder der Einstellung zu den Dingen ermöglicht es, eine scheinbar festgefahrene alte Geschichte in ihrer Konsequenz umzukehren.

Einige Beispiele aus der Literatur:

Das Drama in seinem Stück „Stella“ wurde von Goethe selbst in eine Tragödie umgewandelt durch Veränderung nur der letzten Szene mit dem Freitod von Stella und Fernando.

Die Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles zu verändern, könnte geschehen, wenn Ödipus, nachdem er erkannt hat, unwissentlich mit seiner leiblichen Mutter verheiratet zu sein, sagt: „Ich lasse mich eben scheiden!“. Diese Veränderung eines Mythos wurde von Aldous Huxley in seinem Roman „Island“ nur kurz beschrieben. Die gesellschaftliche Akzeptanz einer solchen Umkehr ist natürlich sehr ungewiss.

In dem Märchen „The Last of the Dragons“ von Edith Nesbit gelingt es der Prinzessin, die althergebrachte Ermordung des Drachens durch den Prinzen – das könnte auch Georg sein – zu vermeiden und beide als Freunde zu gewinnen.

Für „Faust“ könnte eine Veränderung darin bestehen, dass Gretchen es wagt, das Kind nicht zu töten und sie Hilfe von ihrem Vater erhält, das Kind aufzuziehen. Die Teufelsmagie in Fausts Innern wird dadurch gebrochen und er erhält die Möglichkeit der Versöhnung. Er trifft Margarete als erwachsene Frau wieder. Eine Liebesbeziehung ist wegen der aufrechten Ehe ausgeschlossen.

Faust 1

Heinrich Faust schwängert Gretchen und tötet ihren Bruder im Zweikampf, Mutter stirbt am Schlaftrunk

Faust flieht

Gretchen tötet ihr neugeborenes Kind

Faust kehrt vergebens zurück in Gretchens Kerker

Gretchen wird hingerichtet

Die Mitschuldigen

Alcest liebt Sophie
Sophie liebt Alcest

Sie verlässt ihn ohne weiter ersichtlichen Grund und lebt bei ihrem Vater

Sie heiratet Herrn Söller, den Taugenichts

Alcest besucht Sophie bei ihrem Vater

Und so weiter

Umkehrstück

Heinrich Faust schwängert Gretchen und tötet ihren Bruder im Duell

Faust flieht und will reich werden

Mutter stirbt, Gretchen zieht mit der neugeborenen Tochter zu ihrem getrennt lebenden Vater in seine Osteria

Sie nennt sich dort Sophia

Sie heiratet einen gewissen Signor Rossi

Enrico, der reich gewordene Heinrich Faust sucht sie und mietet sich im Gasthof des Vaters ein

Und so weiter

Das weitere Geschehen folgt weitgehend dem Inhalt von „Die Mitschuldigen“ und führt alle Beteiligten außer dem Kind in eine jeweils verschiedene Art von schuldhaftem Verhalten. Der Opa/Oste hat Frau und Kind verlassen, verletzt den Datenschutz (Briefgeheimnis), dringt ohne Notwendigkeit in das Gastzimmer ein. Sophia hat ein uneheliches Kind und ein „Date“ mit ihrem Jugendfreund in der Mitte der Nacht; heute klingt das harmlos, aber das kann auch schwerwiegender gesehen werden. Enrico hat eine Altlast, die sehr schwer wiegt, Duell mit Todesfolge. Der Ehemann Rossi stiehlt dem Gast der Osteria eine Menge Geld, zugegeben in einer Notlage, aber für die ist er selbst verantwortlich. Er arbeitet nicht und gibt sich seiner Spiel- und Vergnügungssucht hin.

Wie gehen die Beteiligten mit all diesen Fehlern um? Das ist individuell sehr verschieden. Es kommt zu der Frage nach Vergebung. Schön wäre es ja.

Glaubt man den Medien, dann wollen die Menschen heute ihre Köpfe mit Gewalt, Verbrechen und dem Geschäft mit Sex anfüllen. Und da komme ich, und rede von Vergebung und Frieden. Inmitten der allgegenwärtigen Gewalt der Bilder und dröhnenden Rhythmen kommen mir Zweifel, ob das angebracht ist, was ich hier tue. Vor mehr als hundert Jahren schrieb Frau Suttner gegen den Krieg. Aber er kam trotzdem, und das zweimal und noch öfter. Auch der vielverachtete Karl May erhob seine Stimme im Kürschnerband „China“, ebenso vergeblich.

In dem Dokumentarfilm „Unverzeihlich-Schuld und Sühne“ über/mit einem „Kriegsverbrecher“ im Bosnien-Bürgerkrieg Serben gegen Kroaten/Muslime (ORF-DVThek Weltjournal plus) zeigt sich die Unfähigkeit zu vergeben.
Esra (18) „wütet“ in einem Lager mit serbischen meist zivilen Gefangenen. Beim Prozess kommt ihm das eigene Verhalten zu Bewusstsein durch die Aussagen der Überlebenden. Sein Vater: die Serben haben sowas auch gemacht. Der Vater hatte früher aus Geldmangel den Wunsch von Esra, Kunst zu studieren, nicht erfüllt.
Esra versuchte nach verbüßter Haftstrafe vergeblich eine Versöhnung mit Opfern durch Bitte um Vergebung und Schuldbekenntnis vor Ort in Bosnien.
Bei allem guten Willen bleiben aber unangenehme Fragen: Wie kannst du wissen, ob er das Leidtun ehrlich und ernst meint? Warum trauen sich die 2 Neffen des Bauunternehmers nicht zurück nach Bosnien, um das Grab zu besuchen? Was könnte die Opfer bewegen, zu verzeihen?

Ist es also Unsinn zu behaupten, dass Vergebung möglich ist?

Die Menschheit wird nicht dran vorbeikommen, wenn es auch bequemer wäre für die Starken, dass ohne Vergebung die vorab gefassten Konzepte über Menschen und ihre Vergangenheit abfärben auf unser Verhalten bei Begegnungen mit ihnen. Indem wir die Menschen mit ihrer Vergangenheit identifizieren, versperren wir den Weg in die Zukunft. Solch ein System von Einstellungen und Vorgangsweisen wird sicherlich längere Zeit für die Starken Bequemlichkeit und Überlebens- sowie Fortpflanzungschancen erzeugen können, aber es wird dann irgendwann zusammenbrechen. Und möglicherweise die Menschheit vernichten.